Eine neue groß angelegte Untersuchung aus England und Wales zeigt, dass verbale Misshandlung in der Kindheit das Risiko für psychische Erkrankungen im Erwachsenenalter deutlich erhöht. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass verbale Angriffe ähnlich schwerwiegende Folgen haben können wie körperliche Gewalt. Fachleute warnen, dass diese Form der Misshandlung oft unbemerkt bleibt und ihre Langzeitfolgen unterschätzt werden.
Inhaltsverzeichnis:
- Rückgang körperlicher Gewalt, Anstieg verbaler Angriffe
- Ergebnisse der Untersuchung von Mark Bellis
- Formen verbaler Misshandlung
- Langfristige psychische Folgen
- Prävention durch bewusste Sprache
Rückgang körperlicher Gewalt, Anstieg verbaler Angriffe
In England und Wales sank der Anteil körperlich misshandelter Personen von etwa 20 Prozent bei den Jahrgängen 1950 bis 1979 auf rund 10 Prozent bei den nach 2000 Geborenen. Verbale Gewalt hingegen ist heute weiter verbreitet als noch vor wenigen Jahrzehnten. Diese Entwicklung stellt die Fachwelt vor neue Herausforderungen im Kinderschutz.
Eine Umfrage der Universitätsklinik Ulm im Jahr 2020 zeigte, dass 52,4 Prozent der Befragten einen „Klaps auf den Hintern“ für unproblematisch hielten. 23,1 Prozent hielten Ohrfeigen für vertretbar, 7,2 Prozent sogar eine Prügelstrafe. Ähnliche Muster finden sich auch in den USA. Laut der Youth Risk Behavior Survey der Gesundheitsbehörde gaben über 60 Prozent der Jugendlichen an, emotionale Gewalt durch Eltern oder Erziehende erlebt zu haben. Knapp 31,8 Prozent berichteten von körperlicher Misshandlung.
Ergebnisse der Untersuchung von Mark Bellis
Das Forschungsteam um Dr. Mark Bellis von der Liverpool John Moores University wertete Daten von mehr als 20.000 Erwachsenen aus sieben Langzeitstudien in England und Wales aus. Die Kindheitserfahrungen wurden mit dem international etablierten Erfassungsinstrument ACE dokumentiert. Das seelische Wohlbefinden im Erwachsenenalter wurde mithilfe der Warwick-Edinburgh Mental Wellbeing Scale bewertet.
Das Risiko für psychische Erkrankungen war bei körperlich misshandelten Kindern um 50 Prozent erhöht, bei verbal misshandelten sogar um 60 Prozent. Diese Zahlen verdeutlichen, dass Worte langfristig ebenso verletzen können wie körperliche Gewalt.
Formen verbaler Misshandlung
Laut Dr. Andrea Danese vom King’s College London gehören zu den häufigsten verbalen Übergriffen:
- Schuldzuweisungen
- Beleidigungen
- Übermäßige Kritik
- Drohungen
- Einschüchterung durch abwertende Begriffe
Gerade die alltägliche und oft unbeabsichtigte Natur dieser Angriffe macht sie so gefährlich. Kinder nutzen die Sprache der Erwachsenen als Orientierung. Wenn diese Sprache abwertend oder harsch ist, verlieren sie ein gesundes Selbstbild.
Langfristige psychische Folgen
Die Forschung belegt, dass wiederholte verbale Gewalt in der Kindheit zu folgenden Problemen führen kann:
- Depressionen
- Angststörungen
- Chronischem Stress
- Geringem Selbstwertgefühl
Die aktuelle Untersuchung bestätigt diese Erkenntnisse und ergänzt sie um eine besonders breite Datenbasis. Auch wenn es sich um Beobachtungsdaten handelt, weisen die Konsistenz und Stärke der Ergebnisse auf einen ursächlichen Zusammenhang hin.
Prävention durch bewusste Sprache
Fachleute fordern, Sprache als zentrales Element des Kinderschutzes zu begreifen. Wer Kinder schützen will, muss auf den Ton achten, den er gegenüber ihnen verwendet. Prävention sollte im familiären Umfeld beginnen, wo Kinder ihre ersten Erfahrungen mit Kommunikation machen.
Dr. Bellis betont, dass Eltern und Betreuungspersonen Unterstützung brauchen, um emotionale Kompetenzen zu fördern, Bindungen zu stärken und konstruktive Konfliktlösungen zu erlernen. Danese ergänzt, dass Schuldzuweisungen an Erwachsene vermieden werden sollten. Stattdessen sei ein kultureller Wandel hin zu einem achtsameren Sprachgebrauch nötig.
Die Daten zeigen klar, dass Misshandlung nicht erst mit einer erhobenen Hand beginnt, sondern oft mit verletzenden Worten. In einer Gesellschaft, die körperliche Züchtigung zunehmend ablehnt, darf verbale Gewalt nicht länger unbeachtet bleiben.
Quelle: Berliner Morgenpost