Bald beginnt in Berlin ein neues Schuljahr. Mit ihm rückt ein Thema erneut in den Mittelpunkt, das seit zwei Jahren für Eltern, Lehrkräfte, Politik und Jugendliche gleichermaßen wichtig geworden ist: die Nutzung von Künstlicher Intelligenz im Unterricht. Während viele Chancen gesehen werden, herrscht zugleich Unsicherheit, wie KI praktisch eingebunden werden soll.
Inhaltsverzeichnis:
- Erwartungen der Jugendlichen an ChatGPT und andere Systeme
- Berliner Senatsverwaltung legt Handreichung vor
- Gesetzesänderungen und Fortbildungen für Lehrkräfte
- Forschung von Ulrike Stadler-Altmann an der Humboldt-Universität
- Unsicherheit bei Hausaufgaben und Prüfungen
- Offene Fragen zu Kosten und Chancengleichheit
Erwartungen der Jugendlichen an ChatGPT und andere Systeme
Eine Umfrage der Vodafone-Stiftung von 2024 verdeutlicht die Haltung junger Menschen. Knapp 80 Prozent der 14- bis 20-Jährigen gehen davon aus, dass KI den Unterricht in den kommenden Jahren stark verändern wird. Bereits 74 Prozent nutzen entsprechende Anwendungen für Schule oder Freizeit. Zwei Drittel sind überzeugt, dass fundierte Kenntnisse im Umgang mit KI für ihren beruflichen Erfolg entscheidend sein werden.
Die Realität in den Schulen sieht allerdings anders aus. 76 Prozent der Jugendlichen berichten, dass KI in ihrem Unterricht nur zufällig oder überhaupt nicht behandelt wird. Damit entsteht eine deutliche Lücke zwischen den Erwartungen und der tatsächlichen Praxis. Besonders betroffen sind die seit Jahren gesetzten Bildungsziele wie Medienkompetenz und digitale Bildung.
- 80 % erwarten große Veränderungen
- 74 % verwenden KI bereits heute
- 66 % halten Kenntnisse für unerlässlich
- 76 % erleben keine systematische Thematisierung
Berliner Senatsverwaltung legt Handreichung vor
Die Berliner Senatsverwaltung für Bildung hat 2024 reagiert und das Dokument „Umgang mit Künstlicher Intelligenz in den Schulpraktischen Seminaren“ veröffentlicht. Darin wird betont, dass zukünftige Lehrkräfte im didaktischen und technischen Umgang mit KI geschult werden müssen.
Die Handreichung macht klar:
- KI ist mehr als ChatGPT. Sie wird in vielen Systemen eingesetzt, von Verwaltungsaufgaben bis zur Unterrichtsvorbereitung.
- Schüler nutzen KI längst eigenständig. Schulen müssen darauf reagieren.
- Fachspezifische Strategien des kritischen Denkens sind erforderlich.
- Lehrkräfte sollen eine ethische Haltung im Umgang mit KI fördern.
Zudem wird darauf hingewiesen, dass Kompetenzen wie Lesen, Schreiben und Fachwissen weiterhin notwendig bleiben, um KI sinnvoll einsetzen zu können. Die Gefahr von Falschinformationen und fehlerhaften Antworten durch Chatbots stellt eine zusätzliche Herausforderung dar.
Gesetzesänderungen und Fortbildungen für Lehrkräfte
Neben kurzfristigen Maßnahmen arbeitet Berlin auch an strukturellen Lösungen. Im Juni 2025 beschloss der Senat eine Reform des Lehrkräftebildungsgesetzes. Digitale Medienbildung und KI-Kompetenzen werden darin verbindlich in die Ausbildung aufgenommen.
Seit September 2024 läuft eine Fortbildungsoffensive „KI in der Schule“. Nach Angaben der Senatsverwaltung wurden bislang 110 Veranstaltungen organisiert. Mehr als 3500 Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte haben sich angemeldet. Über 1000 Personen nahmen bereits erfolgreich teil.
Die Angebote unterscheiden sich je nach Schulform und Wissensstand. Ziel ist es, dass Lehrkräfte den Umgang mit KI erlernen und zugleich die Chancen und Risiken kritisch reflektieren können.
Forschung von Ulrike Stadler-Altmann an der Humboldt-Universität
Professorin Ulrike Stadler-Altmann von der Humboldt-Universität forscht gemeinsam mit europäischen Partnern zu neuen Methoden in der Lehrerbildung. Sie betont, dass Lehrkräfte nicht grundsätzlich neue Fähigkeiten brauchen, sondern KI als Werkzeug verstehen sollten.
Das Projekt AI2PI Teacher Academy entwickelt Module für die Ausbildung. Diese sollen künftigen Lehrkräften helfen, sich mit ethischen Fragen auseinanderzusetzen und eine eigene Haltung zu entwickeln. Ein wichtiges Ziel ist, dass Lehrkräfte argumentationsfähig bleiben, ob sie KI nutzen wollen oder nicht.
- Vermittlung von kritischem Denken
- Entwicklung einer ethischen Haltung
- Integration in bestehende didaktische Konzepte
- Förderung von Eigenständigkeit bei Schülern
Unsicherheit bei Hausaufgaben und Prüfungen
In Gesprächen mit Lehrkräften wird eine deutliche Unsicherheit spürbar. Sie betrifft nicht nur die Gestaltung des Unterrichts, sondern auch rechtliche Fragen. Gerade bei Hausaufgaben und Prüfungen sind Anpassungen notwendig. Eine Möglichkeit besteht darin, die Fähigkeit der Schülerinnen und Schüler zu bewerten, präzise Eingaben an KI-Systeme zu formulieren.
Auch an Universitäten wird über neue Prüfungsformate diskutiert. Klassische Leistungsnachweise geraten durch die Nutzung von KI unter Druck. Gleichzeitig müssen Lehrkräfte ermutigt werden, neue Wege auszuprobieren und Schülern mehr Eigenständigkeit zuzutrauen.
Offene Fragen zu Kosten und Chancengleichheit
Noch ungeklärt ist, ob KI-Tools wie ChatGPT künftig als offizielle Lernmittel gelten. Schulbücher und digitale Lehrwerke werden von den Ländern finanziert, private KI-Zugänge jedoch nicht. Daraus ergeben sich Fragen nach Kosten, Ethik und Chancengleichheit.
Berlin hat erste Schritte unternommen, Lehrkräfte auf die Integration von KI im Unterricht vorzubereiten. Dennoch bestehen auf nationaler und internationaler Ebene weiterhin Diskussionen über langfristige Strategien. Wie stark KI die Bildung verändern wird, ist derzeit offen. Sicher ist nur, dass die Entwicklung in Bewegung bleibt.
Quelle: Berliner Zeitung