Späte Diagnose von Autismus bei Mädchen erschwert frühe Hilfe
Späte Diagnose von Autismus bei Mädchen erschwert frühe Hilfe, Foto: Pixabay

Eine aktuelle Auswertung der Krankenkasse hkk zeigt, dass sich die Zahl der betroffenen Kinder und Jugendlichen in Deutschland seit 2013 verdoppelt hat. International beobachten Forschende denselben Trend. Doch trotz steigender Zahlen wird Autismus bei Mädchen häufig erst spät erkannt. Eine neue Untersuchung aus den USA liefert dazu wichtige Erkenntnisse.

Inhaltsverzeichnis:

Daten aus den USA belegen Unterschiede

Die Studie stützt sich auf Informationen des Baby Siblings Research Consortium. Insgesamt wurden 4550 Kleinkinder im Alter von 20 bis 40 Monaten untersucht. Die Erhebung lief zwischen 2003 und 2021. Jedes Kind wurde bis zu drei Mal beobachtet. Rund 3100 Kinder galten als Hochrisikogruppe, da sie ein älteres Geschwisterkind mit Autismus hatten. Weitere 1400 Kinder hatten kein familiäres Risiko.

Das Ziel der Untersuchung war, das weit verbreitete Diagnoseverfahren Autism Diagnostic Observation Schedule, kurz ADOS, zu prüfen. Dieses Verfahren gilt als Standard in der Diagnostik. Bewertet werden unter anderem:

  • ungewöhnlicher Augenkontakt
  • Gesichtsausdrücke
  • geteilte Aufmerksamkeit
  • Reaktionen auf soziale Reize
  • wiederholendes Verhalten wie Echolalie oder stereotype Bewegungen

Bewertung von Mädchen und Jungen im Vergleich

Das Forscherteam stellte fest, dass ADOS vergleichbares Verhalten je nach Geschlecht unterschiedlich interpretiert. Besonders soziale Auffälligkeiten wurden bei Mädchen seltener erkannt. Damit Mädchen im Test als auffällig gelten, müssen ihre Verhaltensweisen stärker von der altersgerechten Norm abweichen als bei Jungen.

Diese Verzerrung lässt sich mit dem sogenannten REMSD-Wert darstellen. In der Studie lag dieser Wert für das Geschlecht bei 0,42, für das Alter dagegen nur bei 0,01. Das bedeutet, dass das Geschlecht einen deutlich größeren Einfluss auf die Bewertung hatte.

Symptome bei Mädchen im Fokus

Die Forschenden betonen, dass Mädchen mit Autismus oft stärkeren Blickkontakt halten oder weniger auffälliges Sozialverhalten zeigen. Außerdem können sie Merkmale aufweisen, die bisher nicht im Test erfasst werden. Das Diagnoseverfahren ist in seiner Struktur vor allem auf typisch männliche Ausdrucksformen ausgerichtet. Dadurch bleiben mildere Erscheinungsbilder bei Mädchen häufig unerkannt.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weisen auf mögliche Folgen hin. Späte Diagnosen erschweren gezielte Hilfen und Frühförderung. Kinder könnten dadurch wichtige Unterstützung verpassen.

Konsequenzen für die Praxis

Die Untersuchung zählt zu den größten Analysen geschlechtsspezifischer Unterschiede bei Autismus im Kleinkindalter. Die Ergebnisse machen klar, dass Mädchen durch das aktuelle Testsystem benachteiligt werden.

Um die Diagnostik zu verbessern, schlagen die Autorinnen und Autoren folgende Maßnahmen vor:

  1. Anpassung von Testverfahren an geschlechtsspezifische Besonderheiten.
  2. Erfassung auch milder Symptome.
  3. Gezielte Schulungen für Fachkräfte, um feine Unterschiede bei Mädchen zu erkennen.

Die Zahlen belegen deutlich, dass Mädchen mit Autismus bisher zu selten und zu spät erkannt werden. Ein verändertes Vorgehen könnte dafür sorgen, dass Unterstützung künftig früher greift und individueller gestaltet wird.

Quelle: Berliner Morgenpost, YouTube